20140407-Offener-Brief-IHK-big-cover

OFFENER BRIEF zur IHK-Pressemitteilung vom 02.04.2014

“IHK zur Debatte um Schlachthofansiedlung in Bernburg” vom 02.04.2014

Bernburg, 07.04.2014

Sehr geehrter Herr Piotrowsky,

in einer Pressemitteilung vom 02.04.2014 drücken Sie Ihren Stolz darüber aus, dass “unsere Region für bestimmte Branchen im internationalen Wettbewerb klare Standortvorteile zu bieten hat”. Mit Bezug auf die 14.000 arbeitslosen Einwohner im Salzlandkreis äußern Sie weiter: “Wir sind nicht in einer so komfortablen Situation, dass wir uns eine Rosinenpickerei leisten könnten. Jeder Investor sollte uns herzlich willkommen sein.”

In der Bernburger Initiative gegen einen geplanten Megaschlachthof in der Saalestadt haben sich Bürger organisiert, denen die Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung ihrer Region am Herzen liegt.

Aber wessen Interessen vertreten Sie eigentlich, Herr Piotrowsky? Sind Sie wirklich stolz darauf, dass Sachsen-Anhalt nun in einem Dumpingwettbewerb mit osteuropäischen Standorten um die Gunst von Finanzspekulanten buhlt, die gerade dabei sind, den globalen Lebensmittelmarkt immer stärker zu monopolisieren? Ist Ihnen bewusst, dass als Folgen dieser gnadenlos praktizierten Konzentrationsprozesse zahlreiche mittelständische Unternehmen in ganz Europa in den Ruin getrieben werden? Wohin fließen die mit den Ressourcen unseres Bundeslandes und unter Einsatz von Steuermitteln erwirtschafteten Kapitalerträge dieser europaweit tätigen Unternehmen? Im Gegensatz zu mittelständischen Firmen und Handwerkern, die ihre Gewinne hier in Sachsen-Anhalt versteuern, enden die Wertschöpfungsketten global agierender Konzerne oft genug in den Steueroasen dieser Welt.

Schämen Sie sich nicht, arbeitslose Menschen vor Ihren Karren zu spannen, auch wenn sich gerade erst wieder bestätigt hat, dass Sachsen-Anhalt schon jetzt das zweitniedrigste Lohnniveau Deutschlands besitzt? Ist es nicht zynisch, jenen Menschen nun zu raten, dass sie in Zukunft mit osteuropäischen Billigarbeitern um einen “Arbeitsplatz” in dem geplanten Bernburger Großschlachthof konkurrieren sollen?

Nehmen Sie nicht zur Kenntnis, dass die Bürger der Stadt Weißenfels knapp 10 Millionen Euro Strafe an das Land zahlen müssen, weil laut Aussage der Stadtverwaltung der dortige Tönnies-Riesenschlachthof wahrscheinlich zu viel Abwasser einleitete?

Ist ihnen unbekannt, welche Schäden die Ausbeutung von Ressourcen ohne Rücksicht auf ethische Werte und Aspekte der Nachhaltigkeit für eine Region mit sich bringen?

Wir meinen: Sachsen-Anhalt hat mehr verdient, als im Bezug auf demokratische Mitbestimmungsprozesse und umweltverträgliche Technologien zum “Hinterhof Deutschlands” degradiert zu werden! Statt eine Entwicklung zu propagieren, die auf Lohndumping als Standortvorteil und abenteuerliche Spekulationen mit Nahrungsmitteln auf weltweiten Absatzmärkten als Grundlage setzt, sollte sich die IHK eher Gedanken darüber machen, wie der Fachkräftemangel im Handwerk und Industrie in Sachsen-Anhalt wirksam bekämpft werden kann!

Unser Bundesland im Herzen Europas hat viel zu bieten: eine großartige Geschichte, die weltweit besten Böden, eine Tradition als Land der Wissenschaft, Innovation, Bildung und Kunst. Sachsen-Anhalt besitzt wertvolle Bodenschätze und eine einzigartige Natur. Ist es da wirklich “Rosinenpickerei”, wenn wir Sachsen-Anhalter von Ihnen, Herr Piotrowsky, von den Marketingfachleuten der Landesregierung und von unseren Landespolitikern mehr Ehrgeiz einfordern, als uns “Arbeitsstellen” in Unternehmen zu präsentieren, die in ganz Europa wegen ihrer schädlichen Auswirkungen auf ihre Umwelt und die Gesellschaft von den Bürgern bekämpft werden? Wie lange sollen die Einwohner unseres Landes eigentlich noch früher aufstehen, um ihre Heimat zum Studium, zur Ausbildung oder auf der Suche nach einem gut bezahlt und sicheren Arbeitsplatz zu verlassen?

Natürlich kommt in einer Region, die seit Jahrtausenden landwirtschaftlich geprägt ist, der Verarbeitung von Nahrungsmitteln eine große Bedeutung zu.

Gerade in diesem Sektor der Wirtschaft bieten sich dem handwerklich orientierten Mittelstand Optionen für eine qualitätsorientierte Produktion, die den ländlichen Raum strukturell stärkt und für junge Menschen attraktiv macht.

Die mit den von Ihnen gutgeheißenen Konzentrationsprozessen einhergehende Monopolisierung und der weiter fortschreitende Preisverfall richten sich aber gegen bäuerliche Familienbetriebe, den Mittelstand und das Handwerk!

Sie werfen uns in Bernburg vor, auf Basis von “Klischees und Vorurteilen” zu argumentieren. Vielleicht ist es Ihnen entgangen, dass der Wirtschaftsminister Herr Hartmut Möllring persönlich dem sachsen-anhaltischen Landtag die notwendigen Eckdaten zur Beurteilung des Bernburger Schlachthofprojektes, wie beispielsweise die geplante Schlachtleistung von bis zu 28.000 Tieren täglich, vorlegte. Auf diese Daten beziehen wir uns.

Wenn es Ihnen um “Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit” geht, muss auch die Frage gestattet sein, wem Sie diese “Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit” zugestehen möchten. Gelten diese Grundsätze Ihrer Meinung nach nur den Investoren gegenüber? Wo bleibt in Ihrer Argumentation die “Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit” gegenüber dem Bürger und Ihren Verbandsmitgliedern?

Wir in der Bernburger Bürgerinitiative engagierten Einwohner kämpfen darum, dass die Bürger unserer Heimatstadt ihren Glauben an die “Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit” des Staates und der demokratischen Gesellschaft nicht verlieren! Wir sammeln deshalb Unterschriften dafür, dass den Bernburger Einwohnern überhaupt erst einmal das Recht eingeräumt wird, selbst zu entscheiden, ob sie einen Megaschlachthof in ihrer Heimatstadt wollen oder nicht!

 

Bürgerinitiative “Keine Schweinerei” Bernburg i. Gr.

OFFENER BRIEF zur IHK-Pressemitteilung vom 02.04.2014 (112.2 KiB)

OFFENER BRIEF zur IHK-Pressemitteilung "IHK zur Debatte um Schlachthofansiedlung in Bernburg" vom 02.04.2014